erschienen in Karfunkel Nr. 52, Juni/Juli 2004
 
 
Anno Domini, Stimmen aus der Szene
Dingo-Konzert * 27. März 2004
Am 27. März 2004 hatte ein neues Programm des Musiktheaters Dingo aus dem nordhessischen Hofgeismar seine Premiere: "O Maria Flos Virginum - Mittelaltermusik zwischen Minne und Maria" wurde anlässlich der "Kulturnacht 2004" im nordrhein-westfälischen Nieheim aufgeführt. Eine Wiederholung des Konzertes erfolgte einen Tag später in der Altstädter Kirche zu Hofgeismar. Beide Vorstellungen des ergreifenden Programms mit großem historischen Instrumentarium stießen bei den Zuhörern auf ungeteilte Begeisterung. 

"O Maria Flos Virginum" ist eine großartige Fortsetzung der nun schon traditionellen Beschäftigung des Ensembles mit der der mittelalterlichen Musik und Dichtung, die mit "Minne, traute Minne", einem imitierten Sängerwettstreit, ihren Anfang nahm. Erst im vergangenen Jahr wurde das packende Singspiel über das Leben eines der letzten Minnesänger, "Wizlaw, der Verführer - Sänger und Herrscher von Rügen", auf der Ostseeinsel mit großem Erfolg uraufgeführt. Und so war es auch kein Wunder, dass der leider immer noch relativ unbekannte Slawenfürst von der Waterkant mit fünf der zwanzig im neuen Stück zu Gehör gebrachten Liedern ganz stark vertreten ist. 

Das Repertoire reicht von Marienliedern aus dem Umkreis des weisen Königs Alfons von Kastillien und Leon über die Gesänge der Mönche von Montserrat bis zu Werken französischer Troubadoure und deutscher Minnesänger. Diese sind bei weitem nicht nur geistliche Gesänge zu Ehren des unerreichbaren Jungfrau Maria, sondern führen ebenso hin zum Minnedienst des Ritters an seiner Herrin. Beispiele dafür sind Walther von der Vogelweides "Ihr müsst nur schauen", "Ach und weh" des Wilden Alexanders oder Wizlaws "Ich erwählte dich". Natürlich fehlte auch Walthers "Palästinalied" nicht - doch wurde es von Dingo auf eine sehr eigenständige und innige Version mit sakralem Chorgesang interpretiert, die sich wohltuend von manchen marktschreierischen Darbietungen der wunderbaren Melodie unterschied. 
 
 
 
 

Neben dem ausgezeichneten Gesang von Dagmar Jahn (Sopran), Katharina grote Lambers (Alt), Reinhold Schmidt (Tenor), Gisbert Ostermann (Bariton) und Jochen Faulhammer (Bass) war das Spiel der Instrumente wieder ein faszinierendes Erlebnis, die gute Akustik in den Kirchen tat ein übriges. Dingo-Leiter Dr. Lothar Jahn hatte wieder die meisten Texte mit modernen, manchmal hintergründigen Worten nachgedichtet. Einige erschienen diesmal aber auch im ursprünglichen Gewand, was die Sache noch reizvoller machte. Unter www.musiktheater-dingo.de finden sich ausführliche Informationen zu diesem "Programm für Kirchen, Kapellen und Klostermauern" wie auch zu allen anderen Vorhaben der Gruppe. 

jer
Autor: © Jens Ruge